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Dyskalkulie ist eine Entwicklungsverzögerung des mathematischen Denkens bei Kindern, Jugendlichen und auch Erwachsenen.
| Inhaltsverzeichnis |
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1 Definition
2 Qualitative Diagnostik
3 Integrierte Lerntherapie
4 Prävention
5 Literatur
6 Weblinks
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Definition
Unter Dyskalkulie (Synonyme sind Rechenschwäche oder
Arithmasthenie) werden beständige Minderleistungen im Lernstoff des arithmetischen Grundlagenbereiches
(Mächtigkeitsverständnis, Zahlbegriff, Grundrechenarten, Dezimalsystem) verstanden, wobei die betroffenen Schüler mit ihrer subjektiven
Logik in systematisierbarer Art und Weise Fehler machen, die auf begrifflichen Verinnerlichungsproblemen beruhen. Dabei lassen sich die Erscheinungen
Nominalismus, Mechanismus und Konkretismus beobachten.
Unter Nominalismus des Zahlbegriffs soll die Zuordnung von Zahlname und Ziffer/Symbol ohne ausgebildeten Zahlbegriff als kognitive Basis verstanden werden. Dies bedeutet, Kinder kennen die Zahlnamen und deren
Reihenfolge auswendig, denken die zu Grunde liegenden Quantitäten jedoch nicht mit. Deshalb sind sie oft darauf angewiesen,
Additionen und Subtraktionen
rein zählend durchzuführen. Häufige Phänomene bei Nominalismus sind:
- Verharren beim sturen zählenden Operieren,
- Transferleistungen können nicht erbracht werden; stets wird neu abgezählt,
- enorme Gedächtnis- und Konzentrationsleistungen, hohe Anstrengung und schnelle Erschöpfung bei der Bewältigung mathematischer Aufgaben; Berechnungen benötigen unverhältnismäßig viel Zeit
und
- keine Verbesserung der Defizite durch beständiges und extensives Üben; Geübtes wird schnell wieder vergessen oder es wird stur auswendig gelernt.
Mechanismus der Rechenverfahren umschreibt die unreflektierte mechanische Bewältigung mathematischer Aufgaben ohne
Verständnis der zu Grunde liegenden Verfahrenstechniken. Dies kann zum Beispiel bei der Anwendung schriftlicher Rechenverfahren
oder beim Lösen sog. analytischer Aufgaben (Gleichungen mit Platzhaltern)
beobachtet werden. Auffällig bei mechanischen Rechenverfahren ist:
- Duldung sich widersprechender Ergebnisse nebeneinander; ?offensichtliche? Rechenfehler werden nicht erkannt,
- Fehleranfälligkeit der Mechanismen bei komplizierteren oder geänderten Aufgaben: Abweichungen in der Aufgabe führen schnell
zu Irritationen bzw. zu falsch weiter geführten Mechanismen und
- wahllose Verknüpfung von Größenangaben mit Operationen bei eingekleideten Aufgaben, um irgendwie zu einer Lösung zu gelangen;
die Aufgabe kann nur wortwörtlich wiedergegeben werden.
Unter Konkretismus beim handelnden Operieren wird das ?Verhaftetsein? des Schülers am Veranschaulichungsmittel
verstanden, wobei auch Finger zu den Veranschaulichungsmitteln zählen. In diesem Fall tritt das Veranschaulichungsmittel nicht in
der Funktion auf, Anzahl in einer bestimmten Weise zu repräsentieren, vielmehr wird der handelnde Umgang mit dem Mittel für das
eigentliche Rechnen gehalten. Bei konkretistischem Handeln sind häufig folgende Punkte zu beobachten:
- Berechnungen von mathematischen Aufgaben können ohne die Veranschaulichungsmittel nicht durchgeführt werden,
- Klammern an vorgestellte oder plastische Zählhilfen und
- unökonomische/kontralogische Verwendung von Veranschaulichungsmitteln.
Diese drei Phänomene stehen nicht in einem disjunktiven Verhältnis zueinander, vielmehr ergänzen sie einander, da hier
Rechenschwierigkeiten von verschiedenen Betrachtungsebenen aus beschrieben werden. Nominalismus bezieht sich auf die begriffliche
Seite, auf die unausgebildete kognitive Verinnerlichung der Stoffinhalte. Mechanismus beschreibt aus praktischer Sicht die
unverstandene Umgangsweise mit den Rechenverfahren. Konkretismus schließlich bezieht sich auf den unreflektierten Einsatz der
Veranschaulichungsmaterialien.
Insgesamt handelt es sich um Kinder, bei denen das Fundament des mathematischen Verständnisses nicht oder nur sehr
verschwommen vorhanden ist. Ein aufbauender mathematischer Gedanke kann nicht verstanden werden, weil die Grundlagen nicht zur
Verfügung stehen. Jegliches Üben und
Automatisieren ist hier vergeblich, da die Kerngedanken unerschlossen sind. Wenn z.B. Menge und Zahl mit gänzlich falschen Vorstellungen besetzt sind, kann die
innere Logik des Stellenwertsystems nicht erarbeitet werden. In
der modernen Förderpädagogik werden auch diejenigen Schüler berücksichtigt,
deren Versagen auf unangemessene Beschulung, mangelnde Motivation und andere nicht-kognitive Faktoren zurückgeführt werden kann,
da auch sie meist inhaltliche Defizite in Mathematik aufweisen.
Sind bestimmte Bedingungen des Lernens nicht erfüllt, müssen diese vorab hergestellt
werden. Treten bei Schülern Anzeichen für außermathematische Beeinträchtigungen auf, wie zum Beispiel erhebliche psychische Probleme, gravierende sprachliche Defizite oder anderes, was ein diagnostisches oder lerntherapeutisches Gespräch unmöglich macht, ist dringend die
Hilfe anderer Fachkräfte angeraten. Dies kann den mathematischen Lernprozess jedoch nicht ersetzen. Bei entsprechend
diagnostizierten kognitiven Defiziten im rechnerischen Denken ist auch hier
anschließend beziehungsweise begleitend eine angemessene mathematische Förderung nötig.
Qualitative Diagnostik
Für eine gezielte Hilfe müssen die Probleme des Kindes genau untersucht werden. Die Methode der Diagnostik von
Rechenschwäche beruht grundsätzlich auf einem Vergleich subjektiver Rechenleistungen und objektiver Anforderungen des
mathematischen Gegenstandes in verschiedenen Zusammenhängen. Hierfür gibt es eine Reihe von standardisierten Tests. Diese Tests haben jedoch den Mangel, dass sie rein ergebnisorientiert sind, das heißt sie grenzen die
Fehleranalyse in hohem Maße
ein, indem sie lediglich richtige von falschen Ergebnissen selektieren, anschließend quantifizieren und die so gewonnene Quote
einem feststehenden Auswertungsschlüssel unterwerfen. Konkretistische Rechentechniken bleiben dabei gänzlich unbewertet.
Derartige Diagnosen sind im Kern wie Klassenarbeiten und genügen insbesondere den Anforderungen einer auf lerntherapeutische
Intervention ausgerichteten Testung nicht.
Überwinden lässt sich der genannte Mangel durch eine qualitative Fehleranalyse und eine qualitative Beurteilung der Rechentechniken. An der
Humboldt-Universität zu Berlin wurde dafür zum Beispiel das informelle Testverfahren
QUADRIGA (Qualitative Diagnostik Rechenschwäche im Grundlagenbereich Arithmetik) entwickelt. Dieses baut im Wesentlichen auf der Methode des ?lauten Denkens? auf. Hier gibt der
Proband Auskunft über seine Rechenwege und gegebenenfalls seine konkretistischen
Techniken, so dass sich subjektive (falsche oder umständliche) Algorithmen
und begriffslose Lösungswege ermitteln lassen. Aus den angewandten Rechentechniken und den subjektiven Algorithmen lassen sich ? verglichen mit dem mathematisch sachlogischen Vorgehen ?
Rückschlüsse auf das Verständnis mathematischer Inhalte und Operationen erzielen. Dadurch werden Lerndefizite (hier spezielle
Wissensmängel um mathematische Abstraktionen sowie unlogische Verfahrenstechniken: Zählen statt Rechnen) sichtbar und die
Systematik der Rechenfehler lässt sich aufschlüsseln und erklären.
Neben die Interview-Technik des ?lauten Denkens? sollten noch die Verhaltensbeobachtungen von Mimik, Gestik und Körpersprache treten,
die Rückschlüsse darüber zulassen, ob die Kommentare der Probanden die wirkliche Vorgehensweise treffen. Dazu kommt die Methode,
die die ?Beobachtung des konkreten Handelns mit mathematisch strukturierten Veranschaulichungsmitteln? genannt wird. Dahinter
verbirgt sich eine qualitative Analyse der Handlungstechniken auf der konkret-handelnden Ebene. Rechenschwäche lässt sich häufig
bereits auf der Handlungsebene als apraktische Umgangsform mit Veranschaulichungsmitteln nachweisen.
Auf diese Weise entsteht eine differenzierte qualitative Profilierung der Rechenschwäche, was insbesondere für die
Rechentherapie von größter Bedeutung ist. Die Therapie kann gezielt dort ansetzen, wo die mathematischen Probleme des Probanden
beginnen.
Integrierte Lerntherapie
Rechenschwache Kinder benötigen individuelle Hilfe. Ein normaler Schulunterricht wie auch klassischer Förder- oder Nachhilfeunterricht kann bei rechenschwachen Schülern nicht zum Erfolg führen, wenn standardisierte, auf eine
Gruppe bezogene Verfahren zum Einsatz kommen und nicht an der individuellen Lernausgangslage angeknüpft
wird.
Eine integrative Lernintervention berücksichtigt die spezifische Lernausgangslage des Schülers,
indem sie kein einheitliches Programm anwendet, sondern in Form einer integrativen Lerntherapie ein individuelles Bedarfsprogramm von Maßnahmen erstellt. Je nach den individuell ausgeprägten
Eigenarten und Störungen des Lernprozesses sowie der subjektiven Verarbeitung der Leistungsschwäche werden entsprechende Lehr- und
Lernformen gewählt und aktuell variiert. Als angemessene Therapieform hat sich
hierfür deshalb die Einzel- und Doppeltherapie herausgebildet.
In der Mathematik bauen Lerninhalte sachlogisch streng aufeinander auf. Es
muss daher abgesichert sein, dass der Schüler die Argumentation auch für kleinste Schritte nachvollzogen hat. Deshalb ist die
zentrale Interventionsform der therapeutische Lerndialog mit dem Schüler. Diesen zu führen, ist die Aufgabe eines mathematisch und pädagogisch-psychologisch
ausgebildeten Lerntherapeuten für Dyskalkulie, der die Grundlagen der Mathematik individuell differenziert darlegen kann.
Eine in die Lerntherapie integrierte Verlaufsdiagnostik sichert die Lernfortschritte, sodass durch angepasste Lernschritte systematisch die Defizite im Lernstoff aufgearbeitet werden können. Damit stiftet die Therapie von Beginn an
ein begründetes und wachsendes Vertrauen der Schüler in ihr neu erworbenes Wissen und ihre Fähigkeiten.
Prävention
Bereits in den ersten beiden Klassen ist vorbeugende Hilfe in einem präventiven Sinne möglich. Die elementaren Grundlagen des gesamten mathematischen Begreifens werden in den
ersten beiden Schuljahren geschaffen. Daher kommt den allerersten Lernschritten eine große Bedeutung zu.
Das Feststellen eines mangelnden oder fehlenden kognitiven Fundaments des mathematischen Verstehens beim Kind kann daher erst
nach dem Durchlaufen dieser ersten Lernschritte durchgeführt werden. Sinnvoll ist eine Diagnose der Rechenschwäche daher
frühestens ab Mitte des zweiten Schuljahres durchführbar.
Um schon im Vorfeld die Ausbildung einer möglicherweise drohenden Rechenschwäche zu verhindern, bieten sich zwei Instrumente
der Lernbegleitung an. Bei ersten Anhaltspunkten für einen gestörten mathematischen Lernprozess sollte eine so genannte
Präventionsdiagnose durchgeführt werden, mit Hilfe derer die Verinnerlichung des aktuellen Schulstoffs in den ersten
beiden Schulklassen ? simultan zur Vermittlung ? sowie die Ausbildung der pränumerischen Abstraktionsleistungen im Sinne Piagets (Invarianz) untersucht werden
kann. Bei Verdacht auf die künftige Ausbildung einer Rechenschwäche kann dann eine lerntherapeutische Frühbegleitung als
Präventionsmaßnahme eingeleitet werden.
Siehe auch: Legasthenie, Zahlenanalphabetismus, Zahlensinn
Literatur
- Brühl, H.; Bussebaum, C.; Hoffmann, W.; Lukow, H.-J.; Schneider, M.; Wehrmann, M.: Rechenschwäche/Dyskalkulie. Symptome ?
Früherkennung ? Förderung, Osnabrück (Zentrum für angewandte Lernforschung) 2003, ISBN 3-00-011276-6
- Gaidoschik, M.: Rechenschwäche ? Dyskalkulie. Eine unterrichtspraktische Einführung für LehrerInnen und Eltern, Horneburg
(Persen) 2003, ISBN 3-89358-899-X
- Lorenz, J.-H.: Lernschschwache Rechner fördern, Berlin (Cornelsen) 2003, ISBN 3-589-05072-1
- Röhrig, R.: Mathematik mangelhaft: Fehler entdecken, Ursachen erkennen, Lösungen finden; Arithmasthenie/Dyskalkulie: Neue
Wege beim Lernen, Reinbek (Rowohlt) 1996, ISBN 3-499-19725-1
- Schulz, A.: Lernschwierigkeiten im Mathematikunterricht der Grundschule, Berlin (Paetec) 2001, ISBN 3-89517-760-1
- Literaturliste (http://www.arbeitskreis-lernforschung.de/pdf/Literaturempfehlungen.pdf) vom Arbeitskreis des
Zentrums für angewandte Lernforschung (Osnabrück)
- Literaturliste (http://www.iml-braunschweig.de/PDF/Literatur.pdf) vom Institut für Mathematisches Lernens
(Braunschweig)
- Literaturliste (http://www.rechenschwaeche.de/pdf/Literaturlisteinternet6.PDF) vom Mathematischen Institut zur
Behandlung der Rechenschwäche (München)
- Literaturliste (http://www.ztr-rechenschwaeche.de/download/literaturliste.pdf) vom Zentrum zur Therapie der
Rechenschwäche (Berlin)
- Literaturliste (http://www.rechenschwaeche.at/vertiefendes/literaturliste.htm) vom Institut zur Behandlung von
Rechenschwächen (Wien)
Weblinks
- Bundesverband Legasthenie
und Dyskalkulie e.V. (BVL) (http://www.bvl-dyskalkulie.de/)
- Initiative zur Förderung rechenschwacher
Kinder e.V. (IFRK) (http://www.ifrk-ev.de/)
- DMOZ-Verzeichnis zum Thema
Dyskalkulie/Rechenschwäche (http://dmoz.org/World/Deutsch/Wissen/Bildung/Schule/Lernschwierigkeiten/Rechenschwäche/)
- Verzeichnis von Diagnostik- und Therapieeinrichtungen in Deutschland
(http://home.snafu.de/wehrmann/rechenschwaeche.html)
- Paetec Institute für
Lerntherapie (http://www.paetec.de/therapie/)
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